Schulterschmerz – ein orthopädisches Drama in 3 Akten

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Akt 1 – Exposition:

Frau D. plagen seit einigen Tagen Schulterschmerzen. Sie ist eine sportliche Frau. Mit ihren 42 Jahren liebt sie es Sport im und am Wasser auszuüben, mit dem Mountainbike zu fahren, Badminton und Tennis zu spielen und im WInter fährt sie gerne Ski und geht auf Skitouren. Im Frühahr 2020 nach einem Badminton Match spürt sie zum ersten Mal schwer definierbare Schulterschmerzen. Nachdem mit etwas Schmieren und Lockern der Schulter keine Besserung eintritt, sucht sie einen Orthopäden auf.

Das Wartezimmer ist voll; nach 50 Minuten warten ist Frau D. an der Reihe. Der Orthopäde hört 3 Sätze von Frau D. an und fällt ihr dann ins Wort. Ein Röntgen müsse her. Hier habe sie eine Zuweisung dafür, diese Schmerzmittel solle sie einnehmen und schon spürt sie einen Picks auf der Schulter. Eine Injektion soll ihre Schmerzen lindern. 2 Minuten 52 Sekunden, die Visite ist zu Ende.

Akt 2 – Steigerung:

Nach ein paar Tagen hat Frau D. einen Röntgentermin erhalten und nach 10 Tagen nun auch die frischgedruckten Bilder in der Hand, mit denen sie wieder zum Orthopäden marschiert. Ihre Schulter schmerzte in den Tagen sehr stark. Die Injektion ins Schultergelenk hat scheinbar nichts bewirkt. Im Gegenteil die Schmerzen werden immer stärker. In den letzten Tagen hatte sie Mühe, ihren rechten Arm noch zu heben. Bei alltäglichen Bewegungen wie Jacke anziehen zuckte sie manchmal vor Schmerz zusammen.

Auch heute ist das Wartezimmer sehr gut gefüllt und die Wartezeit noch länger als das letzte Mal. Aber irgendwann kommt auch Frau D. dran. Der Orthopäde wirft einen schnellen Blick auf den Befund, das Röntgenbild selber schaut er gar nicht an. Die Zeit reicht nicht um Frau D. die lateinischen Kürzel auf dem Befund zu erklären. Sie solle nun mit Physiotherapie beginnen und weiter die Schmerzmittel nehmen. Erneut eine flinke Injektion ins Schultergelenk. Neuer Rekord: 2 Minuten 5 Sekunden. Auf dem Zuweisungsschein für die Physiotherapie liest Frau D. “SLAP Läsion”. Ob das etwas Ernstes ist, überlegt Frau D. am Weg nach Hause.

Akt 3 – Höhepunkt

Der Physiotherapeut stattet Frau D. mit Übungen aus. Sie üben gemeinsam, sie wird etwas massiert. So vergehen 3,5 Wochen. Die Schulter schmerzt noch immer. Frau D. spricht an, dass die Übungen die Schmerzen verschlimmern. Nach 10 EInheiten ist die Physiotherapie zu Ende. Und nun? Frau D. recherchiert im Internet, spricht mit Freunden und Bekannten. Nun hat sie ungefähr 63 verschiedene Diagnosen und Meinungen dazu gesammelt. Sie geht erneut zum Orthopäden. Es sind inzischen 2,5 Monate vergangen, seit sie den Herrn Doktor zum letzten Mal besucht hat. Dieser scheint heute noch weniger Zeit zu haben und verordnet ein MRT. Mit dem MRT ausgestattet kommt Frau D. nach 2,5 Wochen wieder. Auf dem Befund steht etwas von einem ligamentum coraco-acromiale, einer bursa, einem Ödem… Was das schon wieder alles bedeutet, denkt Frau D. Der Orthopäde sagt Frau D. ihre Bizepssehne sei das Problem. Frau D. kennt sich gar nicht mehr aus und sagt, dass doch auf dem Befund etwas von einem “ligamentum coraco-acromiale” stünde. Der Orhopäde erklärt Frau D. sie soll froh sein, dass ihre kurze Bizepssehne und nicht die lange betroffen sei, das sei erst mühsam. Frau D. versteht gar nichts mehr. Warum fertigt man Bilder und Befunde an, wenn diese dann nicht beachtet oder zur Diagnose herangezogen werden? Was soll sie nun denn machen? Wie wird sie ihr Problem so jemals los?

Auflösung – Was ist hier schief gelaufen?

So ziemlich alles!

Als Frau D. bei mir vorstellig wird. erzählt sie mir ihre Krankengeschichte, dann schauen wir uns gemeinsam die Befunde und Bilder an. Ich erkläre ihr, was diese Aussagen. Dann machen wir die klinischen Tests der Schulter und HWS. Wir vergleichen, ob das mit den Befunden stimmig ist und haben nun eine vollständige Diagnose:

  • subacromiales Impingement
  • Entzündung lig. coraco-acromiale und der bursa sub-acromiale
  • Verkürzung der Innenrotatoren
  • Schwäche der Außenrotatoren

Der Plan ist also: erstens muss die Entzündung weg, leichtes Mobilisieren, kühlen, Entspannungsübungen, Querfriktion der ligamente und Innenrotatoren; zweitens die Innenrotatoren gehören gedehnt und verlängert (4 Wochen lang); als letzter Schritt gehören die Außenrotatoren gekräftigt (8 Wochen lang).

In der Praxis begegnen mir ständig solche Fälle; bitte bestehen Sie beim Abklären Ihres Problems auf folgende Vorgehensweise:

  • zuerst müssen klinische Tests gemacht werden, um einzuschränken oder schon genauer sagen zu können, was los ist (der Schmerz ist nicht immer dort, wo auch das Problem liegt)
  • eine genaue Diagnose braucht Zeit. Um den Menschen im biopsychosozialen Ausmaß zu erfassen, braucht es min. 30-60 Minuten Zeit um dann eine Diagnose stellen zu können
  • wenn notwendig, können bildgebende Verfahren hinzugezogen werden, nachdem ausgetestet wurde (wenn ich zuerst ein Bild anordne, kann es sein, dass ich das Bild gar nicht von der problematischen Zone erstelle, sondern von der falschen)
  • wenn notwendig, können weitere Fachrichtungen hinzugezogen werden, lassen Sie sich aber nicht im Kreis schicken, weil niemand sich verantwortlich fühlt
  • die Zeit bis zur Diagnose sollte nicht zu lange dauern, damit ein Problem nicht chronifiziert
  • Schmerzmittel, Injektionen, Infiltrationen sollten erst verabreicht werden, wenn eine klare Diagnose und ein Behandlungsplan erstellt worden sind

 

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